So denken Freunde und Feinde über den Wolf

Saarbrücker Zeitung

SAARPFALZ-KREIS, Natur & Umwelt,  Autor: Michael Beer, Reporter der SZ, Lokalredaktion St. Ingbert

So denken Freunde und Feinde über den Wolf
So denken Freunde und Feinde über den Wolf

HOMBURG/BLIESGAU

Nach anderthalb Jahrhunderten hat der Wolf erstmals wieder, Mitte September von ministerieller Seite bestätigt, das Saarland durchstreift. Und damit bei manchem Naturfreund Freude, bei Nutztierhaltern und anderen Entsetzen ausgelöst. Die Wildtierkamera fing einen Schnappschuss nahe Bliesransbach im südlichen Bliesgau ein (wir berichteten). Biosphären-Landschaftsführer Christian Engel, der mit einem Vortrag zu dem Beutegreifer Aufklärung betreiben und Sorgen nehmen möchte, spricht davon, schon 2019 bei einem nächtlichen Spaziergang in seiner Heimatgemeinde Webenheim ein Exemplar gesehen zu haben. Herbert Carius, der wie Engel in dem Blieskasteler Stadtteil lebt und sich seinerzeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität des Saarlandes mit verschiedenen Wildtieren beschäftigt hat, wie er erzählt, lacht bei der Frage nach dem ersten Auftauchen auf und sagt: „Der Wolf war schon früher da, das ist doch klar“.

Carius ist 81 Jahre alt. Das Berufsleben liegt lange hinter ihm. Aber er sei hier und da noch aktiv, äußert der Wildforscher im Gespräch.  Mit Wildschwein, Fuchs und Wildkatze hat er sich über Jahrzehnte beschäftigt, aber eben auch mit dem Wolf. Der lange verstorbene Wolfsforscher Erik Zimen, erzählt Carius, habe einmal gesagt, der Wolf könne bei uns leben, wenn es der Mensch nur wolle. Carius macht eine süffisante Rechnung auf: „Wollen wir den Wolf haben oder wollen wir ihn nicht haben? 80 Prozent wollen ihn, 20 Prozent wollen ihn nicht. Die 80 Prozent leben in der Stadt, die anderen auf dem Land mit Tieren. Sie haben Angst.
In Bezug auf die Gefahr, die von dem grau-braunen Gesellen ausgeht, sagt Carius: „Was wir heute Wolf nennen, ist kein richtiger Wolf“. Der genetisch einwandfreie Wolf lebe „hinter dem Ural“.

Dem Spaziergänger im Wald dürfte es völlig egal sein, mit welcher Genetik ein Tier ausgestattet ist, das womöglich seinen Weg kreuzt. Eine Debatte um des Kaisers Bart? Für Carius nicht. „Der reinrassige Wolf hat durch Feigheit überlebt“, sagt er. Er gehe allem aus dem Weg, was ihm ungeheuer sei. Dazu zählen auch Menschen. Wo aber domestizierter Hund und Wolf genetisch aufeinandertreffen, könne es durchaus eine Gefahr geben.

Das erste Wolfsrudel Deutschlands nach den vielen Jahren der Ausrottung wurde im Jahr 2000 in Sachsen dokumentiert. Vanessa Ludwig, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit bei der sächsischen Fachstelle Wolf, kennt die Diskussion um Hybridwölfe. Und schreitet in gleich zweierlei Hinsicht ein. Zwar gebe es tatsächlich zuweilen eine Verpaarung zwischen Hund und Wolf, aber das komme selten vor. Das Wolfsmonitoring untersucht auch den Genpool der Tiere, um Territorien abzugrenzen. Durch dieses „wer lebt wo und kommt woher“ wisse man durchaus über diese Frage Bescheid.
Sie erinnert sich an einen Fall im Jahr 2003.  Eine Wölfin habe damals neun Welpen geworfen. Hybridwelpen. Einige seien gestorben, drei habe man eingefangen und in ein Tiergehege gebracht. Allerdings wurden sie eingeschläfert, weil sie mit dem Freiheitsentzug nicht zurechtkamen. Aus Gründen des Artenschutzes, erläutert Ludwig, müsse es immer das Ziel sein, solche Hybriden aus der Natur herauszunehmen. Aber selbst wenn dies nicht gelinge, sieht die Referentin der Fachstelle Wolf kein gesteigertes Risiko für den Menschen. Vanessa

Ludwig: „Hybride in der freien Wildbahn erlernen ihr Verhalten von der Mutter. Es gibt keine Anhaltspunkte einer größeren Gefahr“.

Im Zusammenhang Wolf / Mensch ist Ludwig mit einer gängigen Formulierung nicht glücklich: „Es heißt oft, der Wolf sei scheu. Das stimmt nicht. Er ist vorsichtig“.  Scheu würde nach ihrem Verständnis bedeuten, dass er sich ganz leicht vertreiben lasse. Aber gerade junge Wölfe könnten sich auch neugierig nähern.

Spatiergänger mit Hund und Wolf

Ein Gedanke, den auch Biosphären-Landschaftsführer Engel unterstrichen hat.

  • Bei einer Begegnung sollte ein Hund unbedingt angeleint sein.
  • Der Mensch müsse sich groß aufrichten, könne auch laut rufen.
  • Aber auf keinen Fall das Tier bedrängen.

Ludwig macht keinen Hehl daraus: Der Wolf ist ein großer Beutegreifer, der gefährlich sein kann. Allerdings sagt sie auch, seit seiner Rückkehr vor fast einem Vierteljahrhundert habe es deutschlandweit keinen Zwischenfall gegeben, geschweige denn, dass ein Mensch zu Tode gekommen sei. Auch andere Wildtiere seien nicht per se ungefährlich.

Wildschwein oder Rehbock, wenn es zum Beispiel darum geht, Jungtiere zu verteidigen oder die Paarungszeit ansteht, könnten auch mit Angriffen auf Menschen reagieren. Man sollte deshalb im Umgang mit ihnen respektvollen Abstand halten und nicht den Versuch unternehmen, sie zu füttern. Insbesondere den Wolf dürfe der Mensch nicht füttern und an sich gewöhnen. Auch im Spannungsfeld Wolf / Nutztier hat Sachsen einiges an Erfahrung gesammelt über die Jahre.

Vanessa Ludwig: „Grundsätzlich ist es so, wir haben in Europa Haltungsformen entwickelt, die es dem Wolf einfach machen“.

Der Räuber sei auf Huftiere spezialisiert. Letztlich greife er sich das, was er am leichtesten bekommen kann. Sind Schafe und Ziegen schlecht gesichert, dann sind sie eine leichte Beute für ihn. Rehe im Wald würden in verschiedene Richtungen fliehen, wenn der Räuber einen Angriff starte. Bei einer Herde Schafe könne er dagegen mehrere in kurzer Zeit töten. In der freien Natur stelle dies auch kein Problem dar. Der Wolf würde auch das Aas auf der Weide fressen, wenn er die Chance dazu hätte. In der Landwirtschaft müsse man wieder lernen, es dem Räuber so schwierig wie möglich zu machen. Elektrozäune seien dabei eine sehr gute Möglichkeit, allerdings müssten sie sicher stehen.
Ludwig: „Er findet jeder Schwachstelle“.

Nach der ersten bestätigten Sichtung in der Biosphäre Bliesgau hat der Bauernverband vor wenigen Tagen auf seinem Agrarempfang in Saarbrücken eine klare Haltung formuliert.
Peter Hoffmann, der Präsident des Saar-Bauernverbandes, sagte: „Wir brauchen den Wolf nicht, wir wollen ihn nicht, und wir sollten ihm das Leben maximal ungemütlich machen“. Die Referentin der Wolfstelle Sachsen kann die kritische Haltung, wie sie auch der Landesverband der Schaf- und Ziegenhalter bereits geäußert hat, nachvollziehen. Für Betroffene sei es schlimm, wenn ihre Tiere getötet würden, sagt sie. In Sachsen gebe es finanziellen Ausgleich für alle betroffenen Tierhalter. Also vom Schäfer mit einer großen Herde bis hin zum Kleintierhalter. Das Land entschädige sie, wenn sie einen Elektrozaun von mindestens 90 Zentimeter Höhe gestellt haben. Die Empfehlung seien allerdings Elektrozäune von einem Meter bis 1,20 Meter. Denn dann seien sie über der Augenhöhe des Wolfes.

Siedelt sich der sagenumwobene Beutegreifer nun im Saarland an oder nicht?
Das Umweltministerium war zuletzt skeptisch und verwies auf die Siedlungsstrukturen hierzulande.
Biosphärenführer und Wolfsberater Engel sieht das ganz anders.
Der Wolf komme mit den Gegebenheiten in der Region sicher zurecht.

Auch die Ansprechpartnerin bei der Wolfsstelle Sachsen will dies nicht ausschließen. Und der Webenheimer Wildforscher Herbert Carius, der ja doch auch kritische Anmerkungen hat? Er sagt: „Ich liebe den Wolf. Mit den Problemen muss man aber ehrlich umgehen“.

Vortragsreihe zum Thema Wolf von Referent Christian Engel:

Der Wolf kommt
Der Wolf kommt