Warum die Biosphäre ein gutes Gebiet für Wölfe ist

Saarbrücker Zeitung

Saarland, Saarpfalz-Kreis, St. Ingbert.  Autor: Michael Beer

Landschaftsführer überzeugt: Der Wolf kommt zurück

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Warum die Biosphäre ein gutes Gebiet für Wölfe ist

St. Ingbert / Bliestal

Die Zahl der Wölfe in Deutschland wächst. Natur- und Landschaftsführer Christian Engel aus Blieskastel erwartet ihn auch eines Tages in der Biosphäre Bliesgau.  Noch ist der Wolf nicht in der Biosphäre Bliesgau heimisch. Landschaftsführer Christian Engel sieht das Reservat aber als durchaus geeignet für die Tiere an. 

Kommt er? Bleibt er? War er sogar schon da?

Um den Wolf ranken sich Sagen und Erzählungen, als böser Wolf im Märchen kennen wir ihn alle. Wer in der Begegnung zwischen Wolf und Mensch der Böse ist, ist eine andere Frage. Alleine die Wolfsangel, ein Eisen mit zwei Dornen, lässt grübeln. Die eine Eisenspitze wurde in den Zeiten seiner Ausrottung in den Baum geschlagen, die gegenüberliegende mit einem Stück Fleisch versehen. Wenn der Wolf seine Zähne in die vermeintliche Beute schlug, hing er am Haken. Und starb elend.

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Die meisten Wölfe leben im Osten Deutschlands
Das Bundesamt für Naturschutz schreibt, Wolfsvorkommen konzentrierten sich in der jüngsten Erhebung wie in den Vorjahren auf das Gebiet von Sachsen in nordwestlicher Richtung über Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern nach Niedersachsen. In Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und Thüringen wurden demnach auch Wolfsterritorien nachgewiesen. Die meisten Wolfsrudel lebten im Wolfsjahr 2022/2023 (1. Mai 2022 bis zum 30. April 2023) in Brandenburg (52). Neben den 184 Rudeln sind zusätzlich 47 Wolfspaare sowie 22 sesshafte Einzelwölfe bestätigt. Die Anzahl aufgefundener toter Wölfe im Monitoringjahr 22/23 lag bei 159 Tieren (21/22 148 Totfunde), davon sind 125 durch Verkehrsunfälle gestorben. Bei 15 Wölfen war die Todesursache natürlichen Ursprungs, elf Wölfe wurden illegal getötet, bei vier Wölfen war die Todesursache nicht zu ermitteln, zwei Wölfe wurden im Rahmen von Managementmaßnahmen getötet, und bei zwei Wölfen war die Todesursache noch nicht geklärt beim Verfassen des Berichtes.

Wolfssichtung 2019 nahe Webenheim?

Der Wolf kommt“, unter diesem Titel hat Biosphären-Landschaftsführer Christian Engel aus Blieskastel einen Vortrag überschrieben. Gerade hat er ihn in Rohrbach gehalten, zum ersten Mal überhaupt. Ein hochemotionales Thema, das er gerne versachlichen möchte. Ist er also dem Titel zufolge auf dem Anmarsch, der Wolf? Engel, ein ruhiger Mann von großer schlanker Statur und weißem Haar, lächelt. Ob und wann sich das Tier wieder in unserer Region ansiedelt, kann er nicht mit Bestimmtheit sagen.
Aber er hält es perspektivisch für sehr gut möglich. Und der 61-Jährige ist sich sicher: Bei einem nächtlichen Spaziergang daheim nahe Webenheim habe er bereits 2019 einen Wolf gesehen. Alleine: weder konnte er ein Foto schießen, nach gab es Kot oder Haare, die seine Beobachtung im Nachhinein bestätigten.  Weshalb die Biosphäre Bliesgau wie das Saarland bislang noch als wolfsfrei gelten.

Christian Engel NKZ Guide Saarland

Christian Engel ist zertifizierter Natur- und Landschaftsführer der Biosphäre.

Die Natur und das Leben in ihr ist ihm wichtig, in früheren Jahren hat er sich viel mit Insekten beschäftigt. Sein Anliegen in Sachen Wolf: Die Menschen sollten vorbereitet sein auf seine Rückkehr. Was sind das für Tiere? Wie viel Sorgen muss man sich machen? Wie lassen sich Weidetiere schützen? Im sachlichen Austausch will der Landschaftsführer Ängste nehmen und aufklären. Engel fährt seit Jahren regelmäßig nach Rumänien, erlebt dort, wie die Bewohner des Landes mit Wolf und Bär umgehen. Davon könne man lernen, sagt er.

Wolfsangel im Wappen des Landkreises Merzig-Wadern

Der Wolf also bald wieder in die Biosphäre Bliesgau, die mit ihren Kernzonen zwischen Homburg, St. Ingbert und Blieskastel ja ausreichend Gebiete hat, in der sich die Natur frei entfalten kann, ungestört vom menschlichen Tun? „Warum sollte er nicht?“, stellt Engel die Gegenfrage. Und verweist darauf, dass es im 19. Jahrhundert hier noch 2000 Tiere gab. Besagter Wolfsangel finde sich als Symbol in vielen Wappen, etwa dem des Landkreises Merzig-Wadern.
Als Anfang des 19. Jahrhunderts die Franzosen kamen, erzählt der Landschaftsführer weiter, bezeichneten sie die Region als „Land der Wölfe“. In der näheren Umgebung sind die Beutegreifer längst zurück. In den Vogesen, in Luxemburg gibt es Wolfsrudel, auch im Raum Kaiserslautern, in der Südwestpfalz und in Zweibrücken sind tote Tiere per DNA-Test als vom Wolf gerissen bestätigt. Von Zweibrücken ist es für einen Wolf bis in den Raum Homburg ein Katzensprung.
Oft werde gesagt, unsere Infrastruktur spreche gegen eine Rückkehr, sagt Christian Engel. Zu viele Siedlungen, zu viele Straßen. Der Biosphärenführer: „Dass der Wolf unberührte Wildnis und weiträumige menschenleere Gebiete bräuchte, ist falsch. Wölfe leben heute in Mitteleuropa in dicht besiedelten Kulturlandschaften.“ Um ansässig zu werden, brauche das Tier ein Rückzugsgebiet, ausreichend Nahrung und ein Revier von 200 bis 300 Quadratkilometern. Die Biosphäre Bliesgau umfasst 360 Quadratkilometer. „Rehe und Wildschweine haben wir hier ohne Ende“, sagt Engel. Und wie andere Wildtiere sei der Wolf sehr wohl in der Lage, mit dem Straßennetz und Siedlungen klar zu kommen.

Wolf ist so groß wie ein Schäferhund

Anderthalb Jahrhunderte war das Säugetier in unseren Breiten ausgerottet. Heute ist es streng geschützt, seine Rolle im ökologischen Gleichgewicht anerkannt. Zugleich gibt es eine heftige Diskussion um das sogenannte Wolfsmanagement. Bundesumweltministerin Steffi Lemke will das schnellere Abschießen von einzelnen Wölfen in Deutschland erleichtern. Den Wolfsgegnern gehen ihre Vorschläge längst nicht weit gehend genug.
Der Wolf ist in etwa so groß wie ein Schäferhund. Am Bauch hellbraun bis ocker, ist der Rücken dunkelbraun bis schwarz. Bis zu 50 Kilogramm kann er auf die Waage bringen. Der Schwanz hängt normalerweise entspannt nach unten. In freier Wildbahn sind 14 Jahre ein hochbetagtes Alter, in Gefangenschaft sind 17 Jahre möglich. Paarungszeit ist im Februar, drei bis acht Welpen bringen die weiblichen Tiere in einer Höhle zur Welt. Die Sterblichkeit unter den Jungtieren ist hoch.

Der Wolf ist per se nicht aggressiv

Begegnungen mit dem scheuen Wesen sind eher die Ausnahme. Engel: „Sie haben eine extrem gute Nase und riechen uns über 200 Meter gegen den Wind. Der Wolf ist per se nicht aggressiv. Wenn er unter einem Brombeerstrauch liegt und wir vorbeikommen, dann bleibt er einfach liegen.“ Eine Untersuchung über ein Jahr hinweg in Niedersachsen habe drei Sichtungen durch Menschen, aber über 60 auf Kameras ergeben.
Und was sollten Menschen tun, die einen Wolf sehen? „Sich freuen“, sagt Landschaftsführer Engel. Sollte sich ein Wolf nähern, auf weniger als 30 Meter herankommen, sei es sinnvoll, sich groß aufzurichten und laut zu werden. Nur eines dürfe man nicht: ihn bedrohen, bewerfen, oder einen Hund auf ihn hetzen.
Seine eigene Begegnung mit dem Wolf, von der er berichtet hat, verlief unspektakulär. Zuerst war es ein Augenpaar in einiger Entfernung, das im Strahl seiner starken Taschenlampe aufleuchtete. Etwas später dann sei das Tier über die nahe Straße gelaufen. Es habe sich noch einmal nach Engel und seinem Hund umgesehen. Dann verschwand es im Gebüsch. Ganz unaufgeregt.

Mehr zu den Aktivitäten von Landschaftsführer Christian Engel:  https://nkz.saarland

Quelle:  https://www.saarbruecker-zeitung.de

Vortragsreihe zum Thema Wolf von Referent Christian Engel: