Wolfssichtung – Bestätigte Sichtung im Bliesgau

Saarbrücker Zeitung

Saarland, Saarpfalz-Kreis, Lokalteil St. Ingbert.  Autor: Michael Beer

„Er ist da“: Wolf im Saarland gesichtet – Schafzüchter in großer Sorge

Vortrag: Der Wolf kommt

Blieskastel

Die Rückkehr des Wolfes: Das Umweltministerium bestätigt die erste Sichtung im Saarland. Nutztierhalter sind in Sorge: Wie groß ist das Risiko, dass der Wolf sich an einer Herde vergreift?

Für Steffen Uhl ist die Sache klar: „Wir sind ein dicht besiedeltes Land. Der Wolf gehört nicht hierher.“ Uhl ist Vorsitzender des Verbandes der Schaf- und Ziegenhalter im Saarland. Selbst hat der Webenheimer 60 Schafe auf einer Weide in Blickweiler. Und Uhl stimmt mit dem Biosphären-Landschaftsführer Christian Engel überein, wenn der von einer eigenen Wolfsbegegnung im Blieskasteler Raum berichtet. Steffen Uhl sagt: „Er ist da.“ Auf einer Wildkamera sei er gesichtet worden.

Wolf vor vier Wochen in Biosphäre Bliesgau gesichtet

Am Bergwerk Reden in Schiffweiler ist ein Wolfsmanagement-Team ansässig. Deren Auskunft: Vor vier Wochen sei tatsächlich ein Wolf „auf der Durchreise“ gesichtet worden, in der Biosphäre, unweit von Bliesransbach. Allerdings ohne irgendwelche Folgen, es habe weder den Riss eines Nutztieres noch sonstige Spuren gegeben.

Der Wolf polarisiert. Landschaftsführer Engel hat viel übrig für den Einzelgänger. Eine Begegnung beim Spazieren, sagt er, dürfe der Mensch durchaus als freudiges Ereignis begreifen. Denn das scheue Tier bekäme man üblicherweise nicht zu sehen. Schafzüchter Uhl dagegen hat mit dem Vierbeiner ausgesprochen wenig am Hut. Man solle ihn so züchten, dass er Gras fresse, sagt er sarkastisch.

Mit dem Wolf kämen viele Probleme. Reiße er ein Weidetier, müsse es der Landwirt so lange liegen lassen, bis die Behörden den Fall als tatsächlich vom Wolf verursacht bestätigt haben. Uhl: „Wenn das freitags passiert, kann es schon Montag oder Dienstag werden.“ Kein schöner Anblick sei dies. Keine klare Regelung gebe es auch, wenn ein Zuchttier gerissen würde. Das koste den Landwirt 3000 Euro. Er bekomme aber nur 150 bis 200 Euro bei einem bestätigten Wolfsriss.

Ein anderes Problem: Wenn der Räuber eine Herde zum Ausbrechen bringe und Nutztiere dann auf der Straße überfahren würden, habe der Halter das Problem, die Attacke nachzuweisen. Der Verbandschef weiter: „Und was ist, wenn Leute mit dem Hund im Wald sind und der nicht wieder zurückkommt?“

Nicht zuletzt fragt Steffen Uhl, wie Züchter von Schafen und Ziegen reagieren werden, wenn sich der Wolf bei uns ansiedeln sollte. Seine eigenen Gedanken dazu: „Aus gesundheitlichen Gründen habe ich meine Herde von 120 Tieren auf 60 reduziert. Wenn der Wolf kommt, höre ich wohl ganz auf.“ Landwirte hätten es schwer in der Region. Viele könnten so denken wie er selbst. Aber auch der Schafzüchter räumt ein: „Der Wolf steht auf der Roten Liste, das ist klar.“ Wenn er da ist, müsse man schauen, was geschieht. „Vielleicht klappt es ja miteinander.“ Immerhin sei man mit dem Umweltministerium im Dialog. Aber man müsse auf die betroffenen Halter und Züchter auch hören. Nach einem ersten runden Tisch im Ministerium erwartet Uhl intensive Gespräche in den kommenden Wochen. In der Eifel etwa werde den Haltern das Material für Zäune gestellt in gefährdeten Gebieten.

Info - Verband der Schaf- und Ziegenhalter

Der Landesverband der Schaf- und Ziegenhalter, heißt es auf dessen Internetseite, im Saarland ist ein vom zuständigen Fachministerium anerkannter Zuchtverband für Schafe und Ziegen. Der Verband ist zudem Ansprechpartner für alle Belange der Schaf- und Ziegenhaltung im Saarland. Die züchterische Tätigkeit wird überwacht von der Landwirtschaftskammer für das Saarland. Rund 180 Halter sind in dem Verband organisiert von rund 830 Schaf- und 490 Ziegenhaltern, wie es weiter heißt.

Das Saarland war bis zuletzt das einzige Bundesland ohne bestätigte Wolfssichtungen. Allerdings gab es solche bereits vermehrt in der Südwestpfalz, im Raum Zweibrücken und Kaiserslautern sowie nördlich von St. Wendel im Kreis Birkenfeld. Die meisten Wolfsrudel lebten im Monitoringjahr 2022/2023 (1. Mai 2022 bis zum 30. April 2023) in Brandenburg (52). Neben den 184 Rudeln sind zusätzlich 47 Wolfspaare sowie 22 sesshafte Einzelwölfe bestätigt.

Wie gefährlich ist der Wolf für Nutztiere wirklich?

Zum Grasfresser wird der Wolf sicher nicht mutieren. Biosphären-Landschaftsführer Engel, der mit einem Vortrag Ängste vor der Rückkehr des Wolfes nehmen möchte, erklärt das Verhalten des Räubers indes so: „Der Wolf ist ein Opportunist. Er greift nicht den Eber an, wenn er leichtere Beute bekommen kann.“ Weidetiere hole er sich vorwiegend dort, wo die schlecht geschützt seien. Er hat Daten, die das verdeutlichen sollen. So hat eine Untersuchung in Westpolen 2011 ergeben, dass die Beute neben anderen Tieren zu 43 Prozent aus Rehen, zu je 22 Prozent aus Rothirschen und Wildschweinen bestand. Nutztiere: ein Prozent. In Sachsen kam eine Untersuchung 2012 zu folgendem Schlüssel: Rehe 55 Prozent, Rothirsche 20 Prozent, Wildschweine 18 Prozent, und neben anderen Nahrungsquellen waren Nutztiere mit 0,6 Prozent mit auf dem Speiseplan.

Eine Studie aus Norditalien kam zu einem ganz anderen Ergebnis: Neben Reh, Rothirsch und Wildschwein waren 26 Prozent der gerissenen Tiere Nutztiere. Wie kam es zu den eklatanten Unterschieden? 

Engel: „Die Landwirte in Norditalien haben auch eine Entschädigung erhalten, wenn sie ihre Tiere nicht schützten.“ Letztlich, sagt Engel, habe das Reh die ideale Größe für den Wolf. Und von denen gebe es auch in der Biosphäre genug.

 

Umweltministerium bestätigt Wolf-Sichtung bei Bliesransbach

Das Umweltministerium in Saarbrücken bestätigt auf SZ-Nachfrage, mit der Sichtung im südlichen Bliesgau bei Bliesransbach gebe es den ersten dokumentierten Wolfsnachweis: „Wir gehen davon aus, dass es sich um einen durchwandernden Jährling handelte.“ Mit seinem Managementplan Wolf, 2017 erarbeitet, sei das Land auf die Rückkehr vorbereitet. Der Managementplan werde derzeit aktualisiert. Eine Endfassung werde bald veröffentlicht.

Vortragsreihe zum Thema Wolf von Referent Christian Engel: